Tine Rossels sportlicher Werdegang ist ziemlich unkonventionell. Die St. Moritzerin wechselte im Rahmen eines von Swiss Sailing Team organisierten «Talent Transfers» von den Slalomtoren auf die Foils eines Nacra 17. Gemeinsam mit Andrea Aschieri arbeitet sie auf eine Olympiateilnahme hin.

 

Die Idee entstand aus einer Begegnung. «Christian Scherrer kannte mich gut, wir segeln im gleichen Club in St. Moritz», erzählt Tine Rossel. «Er wusste, dass ich Skifahren als Leistungssport betrieb und suchte nach Teammitgliedern, die nicht unbedingt viel Segelerfahrung mitbringen, dafür aber körperlich fit sind. Ich habe zunächst gezögert. Mit dem Skifahren aufzuhören war keine leichte Entscheidung. Ich wollte meinen Sport nicht für ein unseriöses Projekt aufgeben und habe mir ein Jahr Bedenkzeit genommen.»

 

Zur gleichen Zeit versuchte Andrea Aschieri sein Olympiaprojekt neu aufzugleisen. Am Youth America’s Cup 2024 kam er mit Christian Scherrer ins Gespräch. «Ich war auf der Suche nach einer neuen Vorschoterin, nachdem meine Segelpartnerin und ich getrennte Wege gegangen waren», so Andrea. Im November 2024 starteten Andrea und Tine ihren ersten Versuch auf dem Wasser. Sie absolvierten ein zweiwöchiges Training und nahmen auch an einer Regatta teil. «Für mich war es das erste Mal auf einem Foiler», verrät Tine. «Das Tempo hat mir auf Anhieb gefallen, aber auf dem Trapez fühlte ich mich anfangs nicht wohl. Es war intensiv, ein wenig einschüchternd, aber sehr amüsant. Zum Glück hatten wir wenig Wind, das hat mir den Einstieg ins Foilen erleichtert. Nach der Regatta musste ich mich wegen der anstehenden Selektion von Swiss Sailing Team schnell festlegen. Ich habe mich fürs Segeln entschieden und mich vom Skirennsport verabschiedet.»

Tine ist jahrelang erfolgreich FIS-Rennen gefahren und weiss, was Spitzensport bedeutet. «Die Parallelen zum Segeln liegen in der Geschwindigkeit, im Adrenalin und im täglichen Training. Aber Segeln verlangt mehr Ausdauer. Im Skisport war die Belastung explosiv und vor allem auf Beine und Rumpf konzentriert. Jetzt trainiere ich länger und mit mehr Wiederholungen.» Auch Andrea musste sich an die neue Konstellation anpassen. «Mir war klar, dass der Umstieg für Tine mit viel Arbeit verbunden sein würde. Ich hatte bereits drei Jahre Erfahrung auf dem Nacra und war mit dem Boot vertraut. Unser Ziel war es, sicher zu segeln, möglichst viele Stunden auf dem Wasser zu verbringen und uns Schritt für Schritt zu verbessern.» «Am Anfang musste meistens Andrea den Lead übernehmen, er kannte alles besser als ich», gesteht Tine. «Für jemanden, der aus dem Einzelsport kommt, ist es ungewohnt, ständig Anweisungen zu bekommen. Inzwischen ist das Verhältnis ausgeglichener. Wir kommunizieren und machen gemeinsam Fortschritte.» Auch an Land verstehen sich die beiden gut. In Trainingslagern und an Regatten verbringen sie viel Zeit miteinander.

 

Als Trainerin konnte Victoria Travascio, die ehemalige Vorschoterin von Santiago Lange, verpflichtet werden. Für Christian Scherrer zeigt dieses Projekt exemplarisch die Rolle des Verbands: «Er schafft Verbindungen. In diesem Fall hat sich alles wie von selbst gefügt. Tine bringt Disziplin, Frische und mentale Stärke mit. Der Talenttransfer zwischen Sportarten hat hervorragend funktioniert. Er ist attraktiv und birgt viel Potenzial für die Zukunft.» Die Saison 2026 beginnt im Frühjahr in Palma. Auf Tine wartet ein dichtes Programm, denn neben mehreren internationalen Regatten stehen Maturaprüfungen an. Der Weg nach Los Angeles ist noch lang, doch der Sprung vom Schnee aufs Wasser sieht bereits sehr erfolgsversprechend aus.